Hike#72 / Fenil aux Favre – Montreux

Ich starte trotz Wetterkapriolen in der Nacht ziemlich gut ausgeruht in den elften und letzten Tag meiner Fernwanderung über die Via Alpina. Mein Zelt hat Wind, Hagel und Regen getrotzt, darüber bin ich sehr zufrieden. Nach dem Frühstück steige ich zum Strässchen hinunter, das zur Staumauer des Lac Hongrin führt, und laufe gedankenverloren zuerst mal in die falsche Richtung. Kurz vor der Staumauer bemerke ich meinen Fehler und kehre um. Nun beginnt der letzte grosse Aufstieg dieser Tour, zuerst unspektakulär durch Wald und über eine schöne Weide, dann durch ein sehr sumpfiges Waldstück, in dem mir die Bremsen nur so um die Ohren fliegen. Die blutsaugenden Viecher lieben Schweissgeruch, und so hetze ich fluchend und um mich schlagend bis zur Käseralp vom Col de Chaude, schrecklich dieser Abschnitt! Als ich auf der Passhöhe ankomme, weht mir ein kalter Wind entgegen, der Blick auf den Genfersee lässt diesen jedoch an mir abprallen, wunderschön!

Von hier an hoffte ich auf einen gemütlichen Wanderweg über den Grat bis zum Rocher de Naye, doch weit gefehlt, es wird nochmal technisch ziemlich anspruchsvoll zu Beginn und dann kräftezehrend zum Schluss. Die Aussicht zu beiden Seiten macht das ganze jedoch wieder wett, und auch die Vorfreude, endlich das Ziel meiner Fernwanderung Montreux ins Blickfeld zu bekommen.

Den weiten Weg gekommen zu sein und nicht auf dem Gipfel zu stehen? Nein, das lasse ich mir natürlich nicht entgehen, und bin von der phänomenalen Aussicht, dafür weniger von den insbesondere Deutschweizer-Touristen begeistert…

Um nicht auf dem windigen oberen Teil meinen Lunch einzunehmen, beginne ich bereits rasch in Richtung Montreux abzusteigen. Ruckzuck die letzten Fressalien in meinem Foodbag verdrückt und Sonnencrème nachgetragen, und schon geht es an den langen Abstieg. Auf Hinweis einer Thruhikerin oberhalb Gstaad, die die Via Alpina in entgegengesetzter Richtung macht, überlege ich mir bis Glion zu laufen und dann mit dem Funi nach Territet zum See zu fahren, von dort das Reststück nach Montreux dem See entlang zu laufen, da die Sperre der Gorge du Chauderon eine unsägliche Umleitung mit sich bringe. Mir bleibt einige Zeit zum Überlegen, und kurz vor Caux beschliesse ich den direkten Abstieg über den Sentier du Télégraphe mit seinen 1055 Treppenstufen zu nehmen. Meine Knie finden das nicht so toll, machen aber trotz allem problemlos mit.

Kurz nach 17 Uhr stehe ich oberhalb von Montreux und kann es irgendwie kaum fassen, ein unbeschreibliches Gefühl macht sich breit. Einmal quer durch die Schweiz, die unzähligen schönen Erinnerungen und Begegnungen, dabei physisch und psychisch zwei drei mal ans vermeintliche Limit gegangen zu sein, das gibt Futter für die weiteren Monate und Jahre. Ich bin dankbar, es ohne Blessuren geschafft zu haben und stolz auf mich, trotz schwieriger Momente durchgebissen zu haben. Ich ziehe vor mir den eigenen, salzverkrusteten Hut! 😉


Distanz: 23km
Höhenmeter: 1’055m hoch / 2’260m runter
Marschzeit: 7h
GPS-Route: SchweizMobil
Beschrieb: Via Alpina (Nr. 1), Etappe 19 (Abschnitt Fenil aux Favre – Rocher de Naye), Etappe 20


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